Kopfkino beim Klettern oder wie man sich selbst im Weg steht

Kopfkino

Da steht man nun am Einstieg der Route und ist bereit loszuklettern. Vielleicht hat man sie schon ein paar Mal probiert, weiß also was man zu erwarten hat und traut sich nun einen Durchstiegsversuch zu starten. Bloß jetzt nicht ans Scheitern denken, redet man sich noch ein bevor man den Boden verlässt. Ein wenig unkonzentriert klettert man die ersten Züge, da man genau weiß, dass die Schlüsselstelle erst noch kommt. Mit den Gedanken schon viel zu weit voraus, kämpft man sich durch die unteren Meter.

Mit schwitzigen Händen schüttelt man noch einmal die Finger aus bevor man die schwere Sequenz der Route angeht. Man versucht den Atem unter Kontrolle zu bringen und möglichst keine negativen Gedanken zuzulassen. Je länger man versucht, den Pump in den Armen zu verringern, desto mehr guckt man sich um. Ja wo ist eigentlich meine letzte Sicherung? Wie weit ist es bis zum nächsten Haken? Und ach du Schreck, die schwierige Stelle, bei der man mit hoher Wahrscheinlichkeit fällt, liegt ja genau dazwischen!

Schnell überschlagen wir im Kopf, dass der Sturz vielleicht doch ziemlich weit sein könnte. Trotzdem reißen wir uns zusammen und klettern weiter, wird schon werden. Doch immer mehr machen sich ein paar Geister im Kopf breit.

„Der nächste Griff ist echt übel, da könntest du fallen!“, höre ich sie sagen.

„Und der übernächste erst! Wenn du bis dahin kommst okay, aber dann fällst du sicher!“

Der Pump in den Armen lässt nicht nach, ich knüppel jeden Griff zu, vergesse nebenher regelmäßig zu atmen und fühle mich wie free solo in einer 1000 Meter Wand.

„Wenn ich jetzt loslasse, dann schramme ich unkontrolliert die Wand runter und breche mir sicher was! Oder ich sterbe oder auch beides. Zumindest tut’s jetzt sehr weh!“, denke ich mir als ich den schlechten Griff halte und durch das Kopfkino wie gelähmt bin. Ich bin nicht einmal mehr fähig den nächsten Zug zu machen, also kralle ich mich wie verrückt an diesen schlechten Griff.

Mein Kletterpartner ruft mir von unten schon zu: „Was ballerst du denn diese miese Leiste her? Kletter halt weiter!“

Ich höre ihn nur weit entfernt, da ich mich ja in meiner geistigen 1000 Meter Wand befinde und gerade alles versuche nicht zu sterben. Aber nach wenigen Augenblicken ist mir die Lösung klar: Abklettern! Wo ich rauf komme, komme ich auch runter.

„Was zur Hölle machst du denn jetzt?“, ruft es wieder von unten. „Lass halt einfach los!“

Mittlerweile kullern mir die Tränen über die Wangen, weil mein Körper denkt, er wäre in Lebensgefahr und andererseits es verdammt schwer ist, die Route abzuklettern.

Als ich endlich die letzte Expresse erreiche, klammere ich mich an sie und mein Puls wird allmählich ruhiger. Ich will einfach nur noch runter.

Völlig fertig sitzt man nun am Wandfuß und versteht die Welt nicht mehr. Ich kann doch eigentlich klettern aber was war das denn jetzt?

Das Wort Panikattacke hört sich heftig an, beschreibt das Gefühl, das ich eben in der Route hatte, aber ziemlich gut. Ich habe mich komplett von meinem Kopfkino leiten lassen, mir die schlimmsten und durchaus unrealistischen Szenarien vorgestellt, und so die Kontrolle verloren. Dass Klettern auch so keinen Spaß mehr macht erklärt sich von selbst.

Also muss eine Lösung her. Kopfkino adé, ab heute wird nur noch mit Verstand gearbeitet. Denn realistisch gesehen, war man weder in Lebensgefahr noch hätte man sich irgendetwas gebrochen. Wenn man die Situation mit etwas Abstand betrachtet, ist das auch durchaus klar. Also hilft nur eines: Wenn ich das nächste Mal in so einer Stelle hänge, dann atme ich erst einmal durch und rufe mir ins Gedächtnis, dass ich stark genug bin, die schlechten Griffe zu halten und selbst wenn ich falle, alles in bester Ordnung ist, denn mein Kletterpartner passt auf mich auf.

Das Kopfkino wird nicht von heute auf morgen verschwinden, aber man kann kontrollieren, indem man ausschließlich positiv denkt. Wenn das Kopfkino mir wieder etwas einreden will, dann habe ich diesmal eine Widerrede.

Kopfkino
Foto: Christoph Deinet unsplash.com

Angst ist da, um mich vor den größten Gefahren zu bewahren. Panik lähmt mich nur. So sollte man die Angst zulassen, aber sich nicht von ihr kontrollieren lassen. So kann man mit der Angst ein fast freundschaftliches Verhältnis führen und wird auch mit seinem Kopfkino keine großen Probleme mehr haben.

Bis zum nächsten Mal, wenn man wieder mit schwitzigen Fingern vor der Crux hängt und am liebsten heulen möchte…

Ein Gedanke zu „Kopfkino beim Klettern oder wie man sich selbst im Weg steht

  1. So wahr!

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