Komplexes/funktionelles Krafttraining im Klettersport

Komplexes/funktionelles Krafttraining im Klettersport bedeutet, dass wir nicht den einzelnen Muskel isoliert trainieren sondern immer versuchen, so viele Anteile wie möglich der jeweiligen Muskelschlinge zu erreichen, wie es gerade beim Klettern als hoch komplexe Bewegungsform gefordert ist. Klettern ist komplex, also trainiere komplex!

Muskelschlingen sind Muskelgruppen, die funktionell aufeinander abgestimmt einen ökonomischen Bewegungsablauf gewährleisten. Beim Klettern kommen vor allem die Zugschlingen des Oberkörpers zum Einsatz und zwar in ihrer „full range of motion“.

Es macht mehr Sinn, die Kraftübungen mit dem eigenen Körpergewicht als Widerstand durchzuführen, als mit Kraftmaschinen, da beim Klettern auch das eigene Körpergewicht den Belastungswiderstand darstellt und unser oberstes Ziel ist, die Kletterleistung zu verbessern.
Wie schon die anerkannten Trainingswissenschaftler Zaztsiorsky & Krämer 2008 erwähnten:“ Die wichtigste Einschränkung vieler Kraftmaschinen besteht darin, dass sie entwickelt wurden, um Muskeln zu trainieren und nicht Bewegungen“. Und wie wir alle wissen, macht nicht der dickste Oberarm den besten Kletterer aus.

Zum Aufbautraining nach Verletzungen halten wir sie natürlich, wenn auch eingeschränkt, für geeignet.
Da die komplex-funktionellen Kraftübungen mit dem eigenen Körper einen hohen Freiheitsgrad besitzen, bieten sie einen besseren Transfer zum Klettern, wo der Freiheitsgrad der Bewegungen schier uneingeschränkt ist.

Die Schulter ist das beweglichste Gelenk des menschlichen Bewegungsapparates. Im Gegensatz vielen anderen Gelenken wird die Stabilität hier nicht primär durch Knochen oder Bänder, sondern durch den Muskelapparat gewährleistet.

Gerade bei so komplexen Gelenk-Muskelsystemen wie dem Schultergürtel mit seiner Vielzahl an Sehnen, Bändern und Muskeln die hier zusammen arbeiten, ist es aus unserer Sicht nahezu unumgänglich diesem auch mit komplex-funktionellen Übungen zu begegnen, da man hier mit isolierten Übungen nur einen geringen Anteil dieses Systems erreicht und somit die Aussicht auf eine gesunde Balance eher gering ist. Da aber gerade die Schultern beim Klettern eine große Rolle spielen, sollten sie, auch schon frühzeitig, durch entsprechendes Training gestärkt werden.

Bei einigen unserer komplex-funktionellen Kraftübungen kommen bewegliche Element wie die Ringe, Slingtrainer oder der Gymnastikball zum Einsatz, was einen weiteren, nicht zu unterschätzenden Faktor ins Spiel bringt, nämlich das propriozeptive Training. Hierbei handelt es sich um ein Training der Muskelanteile, die man nicht bewusst ansteuern kann, aber die auf bestimmte Impulse, z.B. Ausgleichsbewegungen beim Stabilisieren des Körpers beim Liegestütz in den Ringen, reagieren und dadurch trainiert werden.

Dieses wird in anderen Sportarten, wie z.B. beim Handball oder Fußball schon seit langem geschätzt und ist aus unserer Sicht auch für die langfristige Gesunderhaltung der jugendlichen Athleten im Klettersport von großer Bedeutung.

Auch nicht zu unterschätzen ist der Spaß-Faktor. Wenn man mit einer Gruppe Jugendlicher Athleten trainiert, ist es aus unserer Erfahrung immer eine Bereicherung der Trainingseinheiten, wenn man ein paar dieser Übungen einbaut, da gerade Elemente wie beispielsweise die Ringe einen hohen Aufforderungscharakter haben und man spielerisch verschiedenste Übungen ausprobieren lassen und sie dann auch noch miteinander kombinieren lassen kann (Ringe-Slingtrainer, Ringe-Ball usw.).

Professor Dr. Schöffl berichtet, dass die Kletterer mit Schulterverletzungen in den letzten Jahren immer jünger werden. Wenn auch die Mehrzahl derjenigen Kletterer, die mit den typischen Verletzungen wie Slap-Läsion, Bizepssehnen-Abriss oder Impingement-Syndrom (Degeneration oder Verletzung der Rotatorenmanschette, als häufigste Ursache), zu ihm in Behandlung kommen, im Erwachsenenalter liegt, so werden jedoch die Weichen dafür schon in frühen Jahren gestellt. Zu schnelle Steigerung der Trainingsintensität ohne entsprechendes Ausgleichstraining ist hierfür oft die Ursache.

Bilder: F. Kretschmann/adidas

Passende Übungen findet ihr in die GimmeKraft-Bücher:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.